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Zigeunermusik

Kein Klischee über das angeblich so “lustige Zigeunerleben” ist derart im öffentlichen Bewusstsein einzementiert wie das über Zigeunermusik. Musik brachte Sinti und Roma zwar ein gewisses Maß an gesellschaftlicher Anerkennung, aber die tatsächlich vorhandenen Vorurteile gegenüber diese Ethnie wurden davon nicht berührt. Als Zigeunermusik bezeichnet man in erster Linie die Musik der ungarischen Roma, die im feudalen Ungarn das fehlende Potenzial einheimischer Musiker aus dem Bürgertum ersetzten. So wird z. B. der Begriff Bohemian auch als Synonym für einen Roma verwendet. Die Begeisterung, mit der auf die Zigeunermusik reagiert wurde, übertrug sich allerdings keineswegs auf die Menschen, auf die Musiker selbst, die auch weiterhin gesellschaftlich ausgegrenzt wurden. Obwohl die Zigeunermusik stets dem populären Musikgeschmack in Ungarn angepasst wurde und sogar gewissermaßen als ungarische Nationalmusik des 19. Jahrhunderts galt, änderte sich wenig daran, dass die Musiker als gesellschaftliche “Outlaws” angesehen wurden.

Als absoluter Bewunderer der Zigeunermusik galt der Komponist Franz Liszt, der von der virtuosen Poetik dieser Musik und der künstlerischen Kreativität der Roma zutiefst angetan war. Im Gegensatz zum gängigen Zeitgeist fühlte sich der Komponist auch den Schöpfern der Zigeunermusik menschlich verbunden und er versuchte sich auch als Protegé der Zigeunermusik und der Musiker am ungarischen Fürstenhof. Das musikalische Handwerk der Zigeunermusik wurde ausschließlich in den Familien weitergehen, da die meisten Roma selbst weder je eine Schule besucht hatten noch Noten lesen konnten. Daher gab es auch keinerlei schriftliche Aufzeichnungen von Zigeunermusik zu Lebzeiten von Franz Liszt und der Komponist musste sich seine Kenntnis von Zigeunermusik rein nach Gehör aneignen.

Die Kunstgattung der Zigeunermusik im Ungarn des 19. Jahrhunderts, die besonders von Zigeuner-Ensembles im feudalen Milieu aufgespielt wurde, wird unter der Kategorie Verbunkos zusammengefasst, einem speziellen ungarischen Musik- und Tanzstil. Anfänglich wurde Zigeunermusik nur von zwei Musikern gespielt; später wurde Zigeunermusik von kompletten Kapellen aufgeführt. Die typischen Instrumente eines Zigeunermusik -Ensembles waren eine erste Geige, eine Bratsche bzw. eine zweite Kontra-Geige, eine Klarinette, eine Zymbal sowie eine Bassgeige.

In der Musikwissenschaft ist der Begriff Zigeunermusik relativ umstritten und meint vielmehr ein Sammelbecken von verschiedenen Stilrichtungen, als explizit die Musik der Sinti und Roma. In der Zigeunermusik steckt eine Brücken-Funktion – Ost und West zu verbinden. Als prägendes Moment der Weltmusik hat die Zigeunermusik bei der Weiterentwicklung traditioneller Musik einen hervorragenden Stellenwert. Klassik, Jazz, Blues, lateinamerikanische Rhythmen, Flamenco-Musik, Pop, Schlager und Hip-Hop haben erst durch die Impulse von Zigeunermusik ihre heutige Qualität erhalten. Die volkstümlichen Csardasklänge, jene typisch ungarische Wirtshaus- Zigeunermusik, hat mit ihrer Spielweise den unverwechselbaren Stil und die Vorstellung von Zigeunermusik geformt.

Spielerische Spontanität ist eine wesentliche Komponente der Zigeunermusik. Hierbei wird dennoch Spielregeln gefolgt, wenn bei der Zigeunermusik mit einer heterophonen Kontrapunktik die Melodie zugleich durch die bestimmende Geige sowie z. B. durch die Nebenstimme der Klarinette interpretiert wird, die allerdings dabei andere Spielfiguren übernimmt. Die so genannten Zigeuner-Tonleitern mit ihren übermäßigen Sekundschritten zeichnen die wesentliche Besonderheit der Zigeunermusik aus.

Die Roma und Sinti Kammerphilharmoniker sind eine aktuelle Musikformation, die sich das Ziel gesetzt hat, Zigeunermusik als musikalisches, kulturelles Erbe der Sinti und Roma zu bewahren. 55 Musiker, die aus ganz Europa stammen, spielen nicht nur Zigeunermusik, sondern touren auch mit klassischer Musik weltweit.